Bewertung

Erst vor wenigen Tagen hatte ich aus dem Leben eines Toner-Käufers berichtet. Das Bewertungs-Sponsoring scheint allmählich einzureißen. Etwas später war auf Heise Online Folgendes zu lesen:

Online-Shopper verlassen sich gerne auf die Erfahrungen anderer Käufer. Aber kaum jemand weiß, welchen Aufwand manche Unternehmen mittlerweile treiben, um Top-Bewertungen für ihre Produkte herbeizuzaubern.

Ein aktuelles Beispiel ist das Galaxy Tab S von Samsung: Von den insgesamt rund 80 Bewertungen auf Amazon.de stammt mehr als die Hälfte von Nutzern, die das Android-Tablet gratis erhalten haben (Stand 11. August). Vermutlich stieg dadurch die Gesamtnote von 3,5 Sternen auf 4,0 Sterne.

Samsung verteilt Gratis-Tablets


Rund 20 Rezensenten schreiben, dass Samsung ihnen ein Testgerät geschickt hat – "im Rahmen eines Produkttests", "als ausgewählter Tester" oder mit einer ähnlichen Formulierung. Was sie nicht verraten: Sie müssen das 390 bis 580 Euro teure Tablet anschließend nicht zurückschicken, sondern bekommen es als Belohnung für die Rezension umsonst.

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Heute geht es um ein strategisches IT-Thema: um Toner. Ich weiß, Verbrauchsmaterialien gelten als Paradebeispiel für etwas völlig Unstrategisches. Was aber ein Vorurteil ist, denn für Unternehmen, die mit der Herstellung und/oder dem Vertrieb von Tonern befasst sind, ist dieses Thema so strategisch, es könnte gar nicht strategischer sein. Diese Unternehmen werfen daher ihre ganze Innovationskraft auf … na ja, auf Toner eben. Und da genügt es heute natürlich nicht, einfach bloß geile Tonerkartuschen herzustellen, man muss sie schon auch gut verkaufen, draußen in einer Welt, in der Toner als Paradebeispiel für langweiliges Zeug herhalten muss.

Also sind Marketing-Innovationen gefragt und dazu gehört heute unbedingt Social Media. Nun ist Social Media manchmal eine schwierige Sache. Man kann nicht einfach ein Budget aufsetzen, verpulvern und gut ist's. Die Community muss auch noch mitspielen und die hat ihre eigenen Regeln, und wenn sie zum Beispiel einfach keinen Bock auf Toner hat, dann nutzen die lustigsten Tweets nichts. Innovatives Social-Media-Marketing besteht darin, hier ein wenig nachzuhelfen.

Und damit komme ich zu einem ganz persönlichen Einkaufserlebnis: Vor kurzem hatte ich mal wieder Lust, Toner zu kaufen, und weil ich nicht sicher war, welcher der optimalste ist, hab' ich mich im Web informiert. Genau dafür gibt es schließlich die Sozialen Netze, in diesem Fall Amazon und seine riesige Community von Produktbewertern. Ohne vorherige Rückkopplung mit diesen Bewertungen kaufe ich seit Jahren schon kein Taschenbuch, keine Waschmaschine und keinen Toner mehr. Ein Blick in die aktuellen Bewertungen relevanter Toner-Anbieter zeigte dann auch rasch: Der Toner von Hainberger ist top – über 200 Bewertungen, davon rund 180 mit fünf Sternen. Eine Heerschar begeisterter Toner-Kunden. Der muss es sein! Bestellt, geliefert, ruck zuck.

Im Karton fand ich neben der Tonerkartusche auch noch dieses Schriftstück (Hervorhebungen von mir):

Ziemlich innovativ, das lässt sich nicht bestreiten: Hainberger belohnt positive Bewertungen mit einem Gratis-Toner. Oder müsste man sagen … kauft sich positive Bewertungen? Kein Wunder, dass dieser Toner rund viermal so oft bewertet wird wie andere. Die Aussicht auf einen Gratis-Toner mag da bei einigen Kunden Motivation sein, um das Produkt zu bewerten und um es besser zu bewerten, denn für schlechte Bewertungen gibt es nichts umsonst, daran lässt das Hainberger-Marketing keinen Zweifel. Klar, wer den Hainberger-Toner für kompletten Mist hält, der will auch keinen Gratis-Mist dazu. Aber all die anderen? Geschenkter Gaul halt.

Dass sich in allen Bewertungsportalen Leute herumtreiben, die die eigenen Produkte und Leistungen in den Himmel loben, daran hat man sich ja schon gewöhnen müssen. Man weiß als Bewertungs-Powernutzer: Einige Bewertungen sind immer dabei, denen man nicht trauen kann, weil dahinter Mitarbeiter des betreffenden Unternehmens stecken. Aber das ist notwendigerweise auf wenige Stimmen beschränkt. Doch nun sollen ja die Kunden auf breiter Front nicht durch Leistung, sondern durch Incentives zu Abgabe von Urteilen veranlasst werden. Amazon scheint dagegen nichts zu haben, denn offenbar läuft die Hainberger-Aktion schon länger. Ein Bewertungssystem ist damit natürlich weitgehend ausgehebelt.

Ich hätte vor der Bestellung natürlich die negativen Bewertungen meines Toners genauer anschauen müssen: Einige verärgerte Kunden vergeben extra nur einen Stern, um diese Marketing-Aktion abzustrafen:

… allein für diese Gratistoner-Masche gebe ich nun nur einen Stern, damit andere Kunden gewarnt werden, dass sie die vielen positiven Rezensionen genauer unter die Lupe nehmen.

Was aber auch keine Lösung ist, denn über Qualität und Funktionalität des Toners weiß man damit natürlich wieder nichts. Außer dass man vorsichtig sein muss. Aber dafür braucht man wirklich kein Bewertungssystem. Und kein Social Media. Und kein Amazon. Wem kann man denn jetzt noch trauen?

Kein Zweifel: Das Bewertungswesen im Web, ach was, das ganze Web steht am Scheideweg – dabei hab' ich doch nur ein wenig Toner gebraucht. 

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