Recherche

Die Journalistenumfrage „Recherche 2018“ der dpa-Tochter „news aktuell“ hat ergeben, dass persönliche Gespräche (88 Prozent der Befragten) und Pressemitteilungen (86 Prozent) die wichtigsten Recherchequellen von Journalisten sind.

Was in dieser Aussage steckt, ist nicht nur, dass sich Unternehmensinformationen nach wie vor hoher Beliebtheit erfreuen, sondern auch das Wort „Recherche“. Genau, Recherche! Wenn ein Journalist ein Gespräch mit einem Unternehmensvertreter führt, bedeutet das eben nicht, dass dieser danach eine Seite nur über dieses Interview schreibt – vielmehr nutzt der Journalist diese Gespräche eben auch, um sich über gewisse Themen tiefergreifend zu informieren. Das sollte man im Hinterkopf behalten. Auch wenn die Erwartungshaltung auf Unternehmensseite hier hin und wieder eine andere ist.

Das Gleiche gilt für Pressemitteilungen – im Wort steckt ja schon die Bedeutung: der Presse etwas mitteilen. Diese Form des Textes richtet sich eben nicht an „Kunden“ oder „Partner“, Rabattaktionen oder Marketing-Blabla sind völlig fehl am Platz. Und eine Veröffentlichung in den Medien ist zwar schön, aber eben auch nicht der erste Zweck. Dieser ist ... genau! ..., der Presse etwas „mitzuteilen“.

Ebenfalls untersucht wurde in der Umfrage das Thema Social Media. Ein immer wichtiger werdender Punkt in der Kommunikation, der auf Unternehmensseite oft aber nach wie vor stiefmütterlich behandelt wird: keine Ressourcen, kein Budget, machen wir eben mal so mit. Auch wenn viele Unternehmen ihre Social-Media-Aktivitäten in den letzten Jahren ausgebaut und professionalisiert haben, ist hier sicherlich noch weiterer Handlungsbedarf. Denn laut Umfrage binden bereits die Hälfte aller befragten Journalisten Informationen aus den sozialen Medien in ihre eigene Berichterstattung ein (59 Prozent) – Tendenz steigend. Für jeden zweiten Befragten haben Twitter, Facebook & Co. in den letzten zwei Jahren für ihre Recherche an Bedeutung gewonnen.

Wenig überraschend ist auch das Ergebnis der Umfrage zum Thema visuelle Unterstützung bei Pressemitteilungen: neben weiterführenden Links (90 Prozent), sollten Presseinformationen auch Bildmaterial (87 Prozent) oder Videos (41 Prozent) enthalten. Auch wenn viele Unternehmen mittlerweile ihre Bilddatenbank erweitert haben und auch die Services von Bildanbietern wie shutterstock, fotolia oder pixabay nutzen, ist begleitendes Videomaterial nach wie vor noch rar gesät. Dabei ist der Aufwand gar nicht so groß und auch Kurzvideos im Format „Drei Fragen an ...“ oder „Die wichtigsten Trends zu ...“ lassen sich mit Stativ, Smartphone, Mikro und etwas Vorbereitung schnell umsetzen. Zumal es bei diesen Formaten keinen professionellen Imagefilm braucht, um den Sprecher sympathisch wirken zu lassen.

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Über die Praktiken mancher Pressestellen kann man sich wirklich nur wundern. So habe ich nicht schlecht gestaunt, als ich kürzlich über diese Headline gestolpert bin:

„199,20 Euro für eine Frage zur Middelhoff-Kaution“
(Handelsblatt Online, 27. April 2015)

Im Zuge seiner Recherchen zu einem Artikel über Deutschlands zweitbekanntesten Freigänger wollte ein SPIEGEL-Redakteur sich die Information bestätigen lassen, dass die Hamburger Marseille-Kliniken bereit seien, eine Kaution für Thomas Middelhoff zu stellen, damit dieser aus dem Gefängnis frei kommt. Hierfür ließ er der Pressestelle des Unternehmens einige Fragen zukommen.

So weit so üblich.

Die Marseille-Kliniken sahen sich jedoch nicht veranlasst, diese Fragen einfach so zu beantworten (oder zu ignorieren), sondern schickten dem SPIEGEL einen Kostenvoranschlag für deren Beantwortung.

„Für die Beantwortung der Anfrage, Recherche“ sowie die „Auswertung von Unterlagen“ veranschlagte das Unternehmen 148 Euro. Zudem berechnete es eine „Schreibgebühr“ von 20 Euro. Inklusive Mehrwertsteuer ergab sich ein Gesamtpreis von 199,20 Euro (…).
(Auszug aus Handelsblatt Online, 27. April 2015)

Ja, ich habe mich gewundert. Auch noch als ich ein paar Tage später die Stellungnahme des Gründers und aktuellen Aufsichtsratsvorsitzenden Ulrich Marseille gelesen habe, der die ganze Aufregung nicht verstehen kann.

„Warum sollen wir Fragen beantworten, die uns nicht betreffen, uns aber Arbeit machen? Und warum sollen wir das umsonst machen?(…) Hätte der Spiegel 199,20 Euro bezahlt, hätte er eine Zeitungsente vermeiden können. Das ist doch ein guter Preis für wahre Berichterstattung“
(Auszug aus Kress.de, 29. April 2015)

Auch eine Logik.

Aber ein Gutes hat die ganze Sache: Bisher wusste ich nur, dass die Wahrheit ihren Preis hat. Jetzt kenne ich die exakte Summe.

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