Wirtschaftsgeschichte

Kodak hat einen Ehrenplatz in der Welt der Technologie. Die Firma dient seit gefühlten Jahrzehnten als Memento Mori des technischen Fortschritts: Wann immer jemand der Auffassung ist, ein Unternehmen würde sich nicht ordentlich ranhalten, würde Entwicklungen regelrecht "verschlafen" und sich nicht zur rechten Zeit neu erfinden, dann ertönt in Medien und an Rednerpulten, in Kantinen und Business Lounges unweigerlich der Schreckensruf "KODAK!". Einst hatten beim Erfinder der digitalen Fotografie 130.000 Beschäftige Lohn und Brot gefunden, 2012 endete der Niedergang in der Insolvenz. Und es kam sogar noch schlimmer, denn 2014 meldete die SZ über ein neues Geschäftsmodell des legendären Technologiekonzerns dieses:

Besonders Tierfreunde könnten Spaß daran finden, Katzenstreu oder Futterdosen mit einem Foto ihres Lieblings zu kaufen - Fotos mit Tieren sind schon jetzt einer der größten Umsatzbringer im Fotobuchgeschäft. Einer der weltweit größten Tierfutterhersteller ist bereits an einer Kooperation interessiert.
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/traditionsmarke-kodak-mythos-mit-fortsetzung-1.2144711

Kann man als innovativer Player tiefer fallen? So ein Schicksal ist Mahnung für jeden CEO, auch und gerade im Zeitalter der Digitalisierung. Hätte es Kodak nicht gegeben, dann müsste man es nachträglich erfinden, denn Namen wie Märklin oder Zündapp (keine App!) gehen einfach nicht so flüssig von den Lippen, vor allem nicht weltweit. Von den Umlauten ganz abgesehen.

Das war der Stand bis Dienstag. Denn nun geht uns dieser journalistische Dauerbrenner offenbar verloren.

Denn urplötzlich erhebt sich Kodak! Schluss mit Katzenstreu und Futterdosen. Die Firma hat von einem Zaubertrank gekostet, der derzeit alles vermag, der nicht nur einen Eisteeabfüller aus New England weltberühmt macht, der normale Mitmenschen über Nacht "reicher als Zuckerberg" werden lässt und der Müllhalden in Goldgruben verwandelt, sondern der auch Tote erwecken kann:

Totgesagte leben länger - jedenfalls wenn sie sich eine eigene Kryptowährung gönnen. So geschehen am vergangenen Dienstag: Die Eastman Kodak Company startet ihren KodakCoin. Die Nachricht sorgt für einen gigantischen Kurssprung der Kodak-Aktie. […]

Mit dem KodakCoin sollen Fotografen ihre alten und neuen Werke registrieren und lizensieren können sowie auch Zahlungen abwickeln. Für den Token wird eine eigene Blockchain-basierte Rechte-Verwaltungsplattform namens KodakOne eingesetzt. […] Die Kodak-Aktie stieg im US-Handel um fast 120 Prozent.
Quelle: Der Aktionär

Das muss man erst mal hinkriegen: tot sein und sich "eine eigene Kryptowährung gönnen" (man gönnt sich ja sonst nichts). Doch damit nicht genug. Denn jetzt will der Kodak-Zombie alles:

Doch Kodakcoin, der ICO und die auf der Blockchain basierende Kodakone-Plattform sind noch nicht alles: Kodak will auch ins Bitcoin-Mining-Geschäft einsteigen […] Der Kashminer mit Kodak-Logo soll Bitcoins schürfen.

Der Kashminer (ein Name, der Märkte aufwühlen kann) ist eine kleine Maschine, die aussieht wie ein Heizlüfter, und die tatsächlich Bitcoins "schürfen" kann. Heißt es zumindest, denn vielleicht ist die kleine Maschine ja auch ein Heizlüfter, der nur aussieht wie ein Heizlüfter. (Kuckst du selber)

Trotzdem, ich werde mich nicht in die Riege der Dauernörgler, Miesepeter und Besserwisser einreihen ("gibt doch noch gar kein Produkt, mimimi"). Ich erwarte vielmehr, dass da noch einiges nachkommt, dass auch andere Von-uns-gegangene die Gunst der Stunde nutzen und dass die Marken meiner Jugendzeit über Nacht als Zombies zurückkehren:

  • Grundig mit einer Blockchain, damit man sich endlich im Fernsehprogramm zurechtfindet
  • Quelle mit einem Quellekatalog auf Blockchainbasis und man kann mit Quellcoins zahlen
  • Schlecker – da zahlt man mit Schleckcoins und alles wird gut
  • Der Transrapid: warum denn nicht?
  • AGFA – denn was Kodak recht ist, muss AGFA billig sein
  • Beate Uhse: Da wird sich doch auch was finden, vielleicht Uhsecoins?

Oder, um abschließend einen Meilenstein der Filmgeschichte zu zitieren, der bestimmt nicht zufällig etwa zu der Zeit in die Lichtspielhäuser kam, als Kodak schon einmal ganz oben war:

Die Geisterfahrt des Horrors geht weiter […] Diesmal ist keiner mehr sicher […] sei fit, schrei mit!

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